TSCHENE
Geschichtsträchtiges Europa
Tschene (rum. Cenei, kroatisch Čenej, ung. Csene, serbisch Ченеј, umgangssprachlich Schini oder Schine) ist eine Gemeinde im Banat, welche an der Alten Bega liegt 28 km südwestlich von Temeswar. Zur Verwaltung der Gemeinde gehört auch der Ort Bobda.
Geht man von den Erkenntnissen von 2016 des Vereins ArheoVest und der UVT West-Universität Temeswar aus, war Tschene bereits in der Bronzezeit die zentrale Befestigungsanlage innerhalb der Besiedlungen Bobda, Nemet, Gertianosch und Ketscha (siehe Beschreibungen zu Bobda).
Tschene ist eine der ältesten Besiedlungen des Banats. Der älteste dokumentierte Besitzer war das Benediktiner Kloster Iteba (Serbien, bei Novi Itebej) im Jahr 1221. Zu Beginn des 14. Jahrhunderts war der Besitzer die Familie Dorozsma (Drusma, Drusina, Durusma). Bei der Teilung der Besitztümer der Familie ging ein Teil des Dorfes in den Besitz von János Botos über, dem Vorfahren der Familie Harapkai. Im Jahre 1330 gehörte das Dorf zu den Besitztümern der Burg von Sárád (vermutlich im Banat zwischen Jahrmarkt und Bruckenau gelegen), die damals der ungarisch-kroatischen Familie Garai (Garay, Gorjanski), den Herren von Csesznek aus dem vorgenannten Geschlecht gehörte, welche durch Béla, Herzog von Slawonien, dem jüngsten Sohn Béla IV von Ungarn geadelt und privilegiert wurde. Nach den päpstlichen Zehntregistern von 1332-37 gab es im Ort bereits eine Kirchengemeinde der Diözese Tschanad mit dem Priester Anton de Chene. Im Jahre 1479 wurde das Dorf von Jób Garai an Miklós und Jakab Bánffy verkauft – auch ein Zweig der Familie Dorozsma/Garai. Die Geschichte zeigt, dass Tschene über Jahrhunderte stets wertvoller Besitz war.
Nach dem Sieg über die Ungarn in der ersten Schlacht bei Mohács in 1526 eroberten die Türken 1552 auch die Festung Temesvár und gliederten das Banat in ihr Reich ein. In den letzten Jahren der türkischen Besatzung kam es am 20. August 1696 örtlich zwischen Tschene und dem heutigen serbischen Hetin zur blutigen „Schlacht an der Bega“ bzw. „Schlacht bei Olasch“ / Olaschin / Ulaş zwischen den Kaiserlichen Truppen unter dem Kommando von Kurfürst Friedrich August und den Türken, bei der bis zu 6000 Kaiserliche und 4000 Türken verwundet wurden oder starben, darunter Heerführer wie Johann Karl Graf Jörger von Tollet, während die Feldmarschalle Donat Johann Graf Heißler von Heitersheim und Karl Thomas Prinz Vaudémont tödlich verwundet wurden. Die Schlacht endete mit einem taktischen Unentschieden. Allerdings behauptete Mustafa II. die Festung Temeswar und konnte somit einen operativen Erfolg erzielen. Kurfürst Friedrich August wurde von seinen Generälen beschuldigt, während der Schlacht betrunken gewesen zu sein, er hingegen beschuldigte seine Generäle, ihre Arbeit nicht getan zu haben. Er legte das Kommando nieder und beschäftigte sich als Sächsischer Kurfürst mit der polnischen Thronnachfolge – er ist als August der Starke bis heute legendär - während sein Nachfolger bei den Kaiserlichen glücklicherweise Prinz Eugen von Savoyen wurde!
Vermutlich wurde das Dorf zu dieser Zeit zerstört, da es auf der Karte des Grafen Mercy von 1723-25 als unbewohnter Ort verzeichnet ist. Später war es ein Staatsgut.
Ursprünglich siedelten danach dort Serben, Rumänen und Bulgaren an, welche sich mit Viehzucht beschäftigten und von den Behörden zur Sesshaftigkeit bewegt wurden. 1740 errichtete ein Bulgare eine Windmühle, 1760 ein Serbe eine Wassermühle, 1780 ein Jude eine Bierbrauerei, so Wikipedia zu Tschene. Darüber hinaus warf das Sumpfgebiet rund um das Dorf keine Erträge ab. Aus wirtschaftlichen Gründen kam es wie im gesamten Banat auch in Tschene zur Ansiedlung von Deutschen und zur Förderung von Landwirtschaft und Handwerk. Der wesentliche Zustrom deutscher Bevölkerung – Binnensiedler, also Umsiedler von anderen deutschen Gemeinden – erfolgte 1800-1820.
Im Jahr 1820 wurde das Dorf der Familie Vuchetich geschenkt als Entschädigung für ihr konfisziertes kroatisches Land, welches für den Grenzschutz gebraucht wurde. Vuchetich siedelte Kroaten an im neuen Ortsteil Kroatisch-Tschene, westlich von Serbisch-Tschene, wo auch die Rumänen und Deutschen wohnten. 1902 wurden beide Ortsteile als Tschene zusammengefasst. Daneben gab es noch die sog. „Zigeinerkolonie“, die von Roma bewohnt wurde.
Miklós Vuchetich, ein Kaplan des königlichen Hofes, ließ sich zunächst in Tschene nieder. Hier wurde am 29. Oktober 1836 István Vuchetich, Kanonikus von Zagreb, geboren.
1830 baute der Gertianoscher Rößer in Tschene eine Rossmühle, eine weitere wurde 1840 von der Familie Rotsching errichtet.
1874 wurde nach der Begradigung der Alten Bega eine Holzbrücke über den Fluss errichtet. Die Anstrengungen, die Sümpfe trocken zu legen, lohnten sich wirtschaftlich mit der Zeit und ermöglichten weiterhin auch die erste Anbindung an die Bahnlinie Hatzfeld- Großbetschkerek. Nur schleppend verschwanden alle Pflanzenreste aus dem ehemals sumpfigen Boden und Kulturpflanzen und Getreide prägten das neue Gesicht der Landschaft.
Später waren die Erben des Barons Gyula Csávossy die größten Eigentümer des Dorfes. Auch Großgrundbesitzer Kálmán Szekeres besaß in Tschene ein größeres Anwesen, das bis 1861 dem Regierungskommissar Karl Edler von Arizi (*1804 Tschene / +1870 Detta) gehörte. Arizi, der "Schwabengraf" brachte das „2. Schwabengesuch“ an den Wiener Hof, ein Dokument des Widerstandes der Banater Schwaben gegen die Magyarisierung. Verhindert hat es die Magyarisierung nicht.
Weiterhin gab es im Ort auch ein Herrenhaus, das 1903 von Gáspár Uzbasich, Oberstuhlrichter und Stuhlrichter des Bezirks, erbaut und bewohnt wurde.
1840 wurde die Schule erbaut, welche von den Deutschen, Kroaten und Ungarn auch als katholisches Bethaus genutzt wurde. Die Unterrichtssprache war hauptsächlich deutsch, Lehrer Josef Dittrich, der einen großen Verdienst in Tschene hatte und hohe Anerkennung genoss, wirkte von 1872 an mehr als 30 Jahre an der Schule (4).
1895-96 wurde die katholische Kirche erbaut und am 28. August 1896 dem Hl. Augustinus geweiht. Die beeindruckende Urkunde vom 18. August 1895 zur Grundsteinlegung ist unter https://jaeger.banater-archiv.de/index.php?title=WK:1363 dokumentiert.
Die Dorfbewohner unterhielten u. a. eine Kreditgenossenschaft, ein Kasino, eine freiwillige Feuerwehr und einen Schützenverein. Lehrer Dittrich hatte auch den ersten bekannten Schüler-Schützenverein in Tschene gegründet (4).
Das erste bildlich dokumentierte Kirchweihfest gab es im Jahr 1913 – Robert Schuld hat diese Tradition in seinem 2016 veröffentlichten Buch „Kirchweih in Tschene – eine fast vergessene Tradition“ beleuchtet.
Die Tscheneer Fußballmannschaft war schon in den 1930er Jahren eine der erfolgreichsten im Umkreis. In dieser Zeit schaffte es auch ein Landsmann aus Tschene in die Mannschaft von Rapid Temeswar (4).
Die politischen und gesellschaftlichen Wirren rund um die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts, insbesondere die Zeit der Blüte zwischen den beiden Weltkriegen und die des Niedergangs der Kultur, der mit der Abwanderung der Banater Schwaben nach dem 2. Weltkrieg in Verbindung steht, sind wichtig, als Schlagzeile erwähnt zu werden. Von weiteren eigenen Ausführungen möchte ich Abstand nehmen und dennoch die demographischen Zahlen von Tschene sprechen lassen:
Jahr | Bevölkerung | Rumänen | Ungarn | Deutsche | Serb./Kroat./Sonst |
1910 | 2735 | 43 | 198 | 957 | 1537 |
1930 | 2661 | 82 | 184 | 1033 | 1362 |
1977 | 2536 | 706 | 363 | 416 | 1051 |
1992 | 2160 | 1030 | 324 | 92 | 714 |
2002 | 2013 | 1159 | 267 | 46 | 541 |
Quelle: https://www.kia.hu/kiakonyvtar/konyvtar/erdely/erd2002/tmetn02.pdf
Mit zwei Punkten möchte ich als "Nachbar" schließen:
1.
Seit meiner Kindheit kenne ich einen kleinen, gerahmten einfachen Nachdruck des Triptychons von 1910 des großen Schwabenmalers Stefan Jäger (*1877 Tschene / +1962 Hatzfeld) zur Einwanderung der Banater Schwaben. Viele ausgiebige Betrachtungen haben einerseits meine Fantasie angeregt und andererseits auch meine Wertewelt beeinflusst. Dieser Nachdruck hat mit dem Auswandern meiner Großeltern seinen Weg nach Deutschland gefunden.
2.
Zwischen Tschene und Deutschsanktmichael gibt es nicht nur nachbarschaftliche sondern auch persönliche und familiäre Beziehungen, die heute noch gelebt werden. Die beiden Heimatortsgemeinschaften (HOG) sind sehr bemüht, diese Bindungen weiter zu erhalten und zu entwickeln, so zum Beispiel gehört das gemeinsame Musik machen sowie die Busreise 2006 in die alte Heimat dazu, aber auch das für 2025 geplante zweite gemeinsame Heimattreffen.
Nicht unerwähnt bleiben sollen aber die Initiativen der HOG Tschene zu Brauchtum, Heimat und Kultur. In 2016 nahmen 35 Landsleute aus Deutschland an der Kirchweih anlässlich der 120 Jahre Kirchenweihe in Tschene teil und der damalige HOG-Vorsitzende Stephan Ruttner enthüllte eine Gedenktafel an Stefan Jäger, die an dem Haus angebracht ist, das dort steht, wo das Geburtshaus Jägers stand.
2022 wirkte die HOG vor Ort bei den Feierlichkeiten mit, um das 125. Kirchenjubiläum nachzufeiern. Eine beachtliche Spendensammlung – eine Initiative von 2016 von Robert Schuld, die bis heute Bestand hat – kam der Renovierung der Kirche und dem Friedhof zu Gute.
Aus Anlass dieses Festes fasst die HOG zusammen, was Tschene beispielhaft ausmacht:
„Im Gegensatz zu anderen Banater Dörfern war Tschene keine rein deutsche Siedlung. Wir haben immer respektvoll mit den anderen Nationen zusammengelebt“
TSCHENE - CENE
Europe steeped in history
Fotocollage:
- Stefan Jäger - Die Einwanderung der Donauschwaben im 18. Jahrhundert / Foto des Fotodrucks im Familienbesitz
- Josephinische Landaufnahme, 1769-72 / Public Domain / https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Banat_Josephinische_Landaufnahme_pg052.jpg
- Schlacht bei Ollasch im Jahre 1696 / Public Domain / https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Schlacht_bei_Ollasch_in_Ungarn_im_Jahre_1696.jpg
- Kirche Tschene: https://gerhardus.ro/wp-content/uploads/2022/08/1-6.jpg
Quellen/Literatur:
- Adam Weißgerber: Erinnerungen Tschene Banat mit Familiendaten 1824-2009, Auflage 2009
- Banater Ortschaften stellen sich vor (22) – Tschene, Banater Post 05.06.1989
- Anna Schuld: 125 Jahre seit der Weihe der Tscheneer Kirche, Banater Post 2021
- Robert Schuld: diverse Angaben vom 08.02.2025
- Internet diverse, u.a. Wikipedia